Homepage von Michael Meisegeier

 

Jahrgang: 

Wohnort:

Beruf:

Studium/Promotion:

 

1950

Erfurt

Bauingenieur, Dr.-Ing.

Hochschule für Architektur und Bauwesen Weimar
(heute Bauhaus Universität)

 

 

Obwohl als Bauingenieur eher die technische Seite des Baugeschehens mein Metier ist, beschäftige ich mich seit ca. 40 Jahren mal mehr und mal weniger intensiv mit der Geschichte der Architektur. Mein besonderes Interesse gilt dabei fast von Anfang an der vorromanischen und romanischen Baukunst und Kunstgeschichte. Von dort bis zur Christianisierung und zum frühchristlichen Kirchenbau ist nur ein kleiner Schritt. Neben Fragen der Bauform und der Bautechnik, der Zweckbestimmung und Nutzung sind immer wieder Datierungsfragen bedeutsam – insbesondere bei den älteren Bauten, womit natürlich die geschichtlichen Ereignisse als Umfeld des Baugeschehens eine erhebliche Rolle spielen. Ist die Kenntnis über die Geschichte lückenhaft oder gar falsch, sind wir kaum in der Lage, eine Baugeschichte richtig zu rekonstruieren.

Meine intensive Beschäftigung mit der Materie führte mich fast zwangsläufig zu dem Kreis der Chronologiekritiker um Heribert Illig. Seine umstrittene und von der etablierten Fachwelt abgelehnte Phantomzeitthese, die den Zeitraum von 614 bis 911 als Phantomzeit, d. h. als nicht existent behauptet, bot eine Lösung für die m. E. bestehenden Unstimmigkeiten in der offiziellen Geschichtsdarstellung des Frühmittelalters und dessen nicht auffindbare Bauten.

Ich bin überzeugt, dass die uns in den Lehrbüchern und an den Universitäten gelehrte Chronologie für die Zeit des Frühmittelalters keinesfalls zutreffen kann. Vielleicht ist auch die Chronologie der Antike und der Spätantike sowie des Hochmittelalters dringend revisionsbedürftig, wie gerade in neuerer Zeit von verschiedenen Vertretern der Chronologiekritik behauptet.

Die Betrachtung der frühesten Kirchenbauten in Thüringen und Sachsen/Anhalt unter diesem Aspekt führte mich zu einer teils deutlich abweichenden, wesentlich stimmigeren Lösung für die Baugeschichte dieser Bauten als von der etablierten Kunstgeschichte für diese angeboten.

Da die Anpassungs- und Leidensfähigkeit der etablierten Fachwelt nur sehr begrenzt ist, kann ich für meine Ausarbeitungen vorerst kaum auf die Zustimmung von offizieller Seite hoffen.
Leider beharrt die etablierte Wissenschaft auf ihren in vielen Jahren schwer erarbeiteten Irrtümern. Dass die Experten der Architekturgeschichte jedoch zu keiner Zeit unfehlbar waren, haben ihre zahlreichen Irrwege im Verlauf des 20.Jh. deutlich gemacht. Bei der Aufdeckung solcher Irrtümer kam und kommt der Archäologie auf jeden Fall ein hoher Stellenwert zu. Gerade die Zerstörungen des 2. Weltkrieges erlaubten die archäologische Untersuchung vieler Kirchenbauten, so dass man bei der Rekonstruktion der Baugeschichte nicht nur auf mündliche und schriftliche Überlieferungen angewiesen blieb. Die Archäologie ist jedoch kein unabhängiger Wissenschaftszweig, da sie nur die zeitliche Abfolge der Bautätigkeit rekonstruieren kann, jedoch keine explizite Datierung. Dafür sind andere Wissenschaftsdisziplinen erforderlich. Erst im Zusammenspiel ist eine Interpretation der archäologischen Untersuchungen möglich. Damit erhöht sich die Fehleranfälligkeit der Interpretation dramatisch.
Wissenschaftliche Datierungsmethoden wie die Dendrochronologie und die Radiokarbonmethode (C14-Methode) sind z. T. umstritten. Sie sind auch nur anwendbar bei Hölzern bzw. kohlenstoffhaltigen, d. h. organischen Materialien. Steine, Mauerwerk, Mörtel oder Putz sind damit nicht zu datieren.
Schwierig wird es, wenn die Archäologen die Interpretation der Grabungsergebnisse den mündlichen und schriftlichen Überlieferungen „anpassen“, wie das leider fast durchgängig geschieht. Damit ist der Zirkelschluss perfekt. Wie nachfolgend gezeigt, erlaubt ein anderer Ansatz möglicherweise zu besseren Ergebnissen zu gelangen.

Im Folgenden möchte ich einige spezielle Themen in Form einzelner Aufsätze vorstellen, die mich insbesondere in den letzten Jahren beschäftigt haben und immer noch beschäftigen.

 

Aufsätze:

 

Wir haben ein generelles Quellenproblem !

 

 

Eine der Möglichkeiten, die bei der Interpretation von frühmittelalterlichen Baubefunden regelmäßig herangezogen wird, liegt zunächst auf der Hand. Das ist die Auswertung von etwaigen Schriftzeugnissen, die zum Bau vorliegen oder über diesen berichten.

Leider gibt es an reinen Baunachrichten zu den frühen Kirchenbauten in Mitteldeutschland in den Quellen nicht allzu viel, so dass eine Rekonstruktion anhand konkreter Baunachrichten im Allgemeinen nicht möglich ist. Dagegen gibt es besonders für die Zeit der Ottonen eine, wenn auch relativ geringe Anzahl an Schriftquellen, in denen die Orte oder auch die Bauten selbst erwähnt werden. Das sind insbesondere die Chroniken zur Ottonengeschichte wie z. B. die Sachsenchronik von Widukind, die Chronik des Thietmar von Merseburg sowie Gesta Oddonis der Hrotsvith von Gandersheim. Sie gelten der etablierten Wissenschaft als zeitgenössische Quellen und haben für sie einen absoluten Wahrheitswert.

Merkwürdig ist nur, dass verschiedene dort berichtete Ereignisse mit den archäologischen Untersuchungsergebnissen nicht in Einklang zu bringen sind. Ich möchte hier nur die vergebliche Suche nach dem Grab Heinrich I. in Quedlinburg oder die vergebliche Suche nach dem Moritzkloster und der ottonischen Pfalz in Magdeburg oder die vergebliche Suche nach der ersten Marienkirche in Memleben, in der Otto I. aufgebahrt gewesen sein soll, sowie der dortigen ottonischen Pfalz anführen. Genauso wie für Quedlinburg zahlreiche Besuche der späteren Ottonen - insbesondere immer zu den Osterfeierlichkeiten schriftlich „bezeugt" sind, weswegen Quedlinburg als „wichtigste Pfalz der ersten Liudolfinger", als Osterpfalz angesehen wird, obwohl dort die baulichen Voraussetzungen vor der Jahrtausendwende gar nicht vorhanden waren.

Berichten die vermeintlich zeitgenössischen Quellen doch nicht die Wahrheit? Betreffend Widukind ist es nach FAUßNER [ANWANDER zu FAUßNER 23f] erwiesen, dass die Sachsenchronik eine Fälschung des 12. Jh. durch Wibald (1098-1158), Abt von Stablo und Corvey, ist. Nach FRANZ ist neben der Sachsenchronik Widukinds auch die Chronik Thietmars zweifelsfrei durch Wibald im 12. Jh. geschaffen worden. Sowohl die Sachsenchronik als auch die Chronik Thietmars dienten Wibald dazu, "seinen Urkundenreihen einen Halt, einen geschichtlichen Kontext zu verleihen." [FRANZ, 239] So sind von den schon nicht sehr zahlreichen so genannten zeitgenössischen Quellen zwei weitere für unsere Kenntnis der Ottonenzeit als solche ausgefallen. Von FAUßNER sind schon Werke wie die Gesta Oddonis der Hrotsvith von Gandersheim, die Vita brunonis von Ruotger, das Ottonianum von Heinrich  II. und andere als Werke Wibalds benannt worden [ILLIG, 410]. Und es gab nicht nur die Fälscherwerkstatt Wibalds.

Sowohl Thietmars Chronik als auch die anderen „Arbeiten“ Wibalds haben ein gemeinsames Kernthema: die frühen Ottonen. Als Zweck aller dieser Fälschungen sehe ich die Verankerung der frühen Ottonen in der Geschichte der Kirchen in Quedlinburg, Memleben und Magdeburg - von Tod Heinrich I. und Ottos I. in Memleben, Gründung der Burgkirche in Quedlinburg durch Königin Mathilde, die Hochzeit Otto I. mit Editha, die Kaiserkrönung in Rom, die Gründung des Moritzklosters in Magdeburg, die Bestattung Edithas in der Moritzkirche, die Domgründung in Magdeburg und Beisetzung Otto I. in Magdeburg. Nach meiner Auffassung sind alle diese „Ereignisse“ frei erfunden.

Wibald war bei seinen Fälschungen sehr umsichtig. Zur Erhöhung der Glaubwürdigkeit schuf er auch das entsprechende Umfeld, das sind zugehörige Urkunden und Diplome, so u. a. die Diplome König Ottos I. für das Mauritius-Kloster. Aus der Fälschungspraxis Wibalds ist bekannt, dass er die von ihm verwendeten Quellen nachträglich bearbeitet hat und die Originale dann vernichtete.  So ist nicht verwunderlich, dass die Nachrichten der o. a. Quellen sich weitestgehend decken. Differenzen sind vermutlich einfach Fehler, die Wibald beim Abgleichen der verschiedenen „Arbeiten“ unterlaufen sind.

Von 1126-1134 war Norbert von Xanten in Magdeburg Erzbischof. Norbert von Xanten war ein Freund und Vertrauter Wibalds [FRANZ, 244]. Für ihn dürfte Wibald diesbezüglich tätig geworden sein. Er erfindet für Magdeburg sowohl die Gründung des Doms im Jahr 955, das Moritzkloster mit dem Grab der Editha als auch die Grablege Ottos I. im Dom. Ebenso dürfte Wibald für Quedlinburg und für Memleben tätig geworden sein. Zu Quedlinburg: „…ein überaus gutes Verhältnis zu den Quedlinburger Damen…Vor allem Beatrix II. von Winzenburg dürfte es ihm angetan gehabt haben,…“ [FRANZ, 240]. Beatrix II. ist ab 1137 Äbtissin in Quedlinburg.

Für mich ist auffällig, dass die ottonischen Chroniken nur über einige wenige Bauten, das sind die Stiftskirche St. Servatius in Quedlinburg, die Stiftskirche St. Maria in Memleben und den Dom zu Magdeburg berichten, dagegen über benachbarte etwa zeitgleiche Bauten wie den Dom zu Halberstadt und die Stiftskirche St. Cyriakus in Gernrode so gut wie nicht. War die Fälschung vielleicht eine Auftragsarbeit?

Insbesondere LEOPOLD, aber auch SCHUBERT - beide unangefochtene Experten u. a.  für die hier besprochenen frühen Kirchenbauten in Quedlinburg, Halberstadt, Memleben, Rohr und Magdeburg - waren über die Maßen bemüht, ihre Rekonstruktionen der schriftlichen Überlieferung anzupassen, was ihre Rekonstruktionen in meinen Augen zu großen Teilen zu Makulatur macht.

 

 

Die Geschichte des Mittelalters - ein Konstrukt !

 

 

Alle Rekonstruktionen der Baugeschichte, insbesondere der von frühen Kirchenbauten, sind immer in das historische Umfeld der Erbauungszeit eingebunden. Was passiert eigentlich, wenn unser traditionelles Geschichtsbild nicht stimmt? Die frühen Kirchenbauten sind - sofern materielle Hinterlassenschaften nachweisbar sind - auf jeden real. An der Existenz ist nicht zu zweifeln, jedoch an der Interpretation dieser schon, d. h. im Einzelfall an der uns dargebotenen Rekonstruktion der Baugeschichte.

ARNDT weist in seinem Buch "Die wohlstrukturierte Geschichte" glaubhaft nach, dass die offizielle Geschichte des Mittelalters weitgehend konstruiert ist. Nach ihm ist die gesamte Geschichte von 911-1313 eine bewusste Konstruktion. ARNDT sieht insgesamt von 768 bis 1493 ein geschlossenes System, das während der Herrschaft Karl V. (1520-1556) "entworfen wurde, oder zumindest in wesentlichen Teilen erweitert wurde" [71f]. ARNDT spricht von der "Fiktionalität eines wesentlichen Teils der Pippiniden- und Karolinger-Geschichten" [100]. Er sieht die Merowinger und die Karolinger "nach derselben Schablone gestrickt" und betitelt seinen Abschnitt zur Karolingerzeit mit der Frage: "Sind die Karolinger nur ein Double der Merowinger?" [98].

Die Geschichte der Karolinger als auch der Ottonen ist also weitestgehend erfunden. Meine Erklärung für dieses Phänomen ist Folgende. Während es in den ehemaligen römischen Gebieten (Westrom, Ostrom, Gallien) eine "antike" Tradition der Geschichtsschreibung gab, war eine solche im Ostfrankenreich nach meiner Auffassung bis ins 12. Jh. nicht vorhanden. Geschichte war dort i. W. mündliche Überlieferung in Form von Legenden, Sagen, etc., möglicherweise darin enthaltend Erinnerungen an reale Personen und Ereignisse aus der Vergangenheit.

Diese "Geschichtslücke" wurde ab dem 12. Jh. rückwirkend mit erfundener, geschriebener Geschichte gefüllt. Pseudepigraphen wie Widukind, Thietmar, Hrotsvith u. a. waren dafür ein probates Mittel. Dass in die Geschichtserfindung die mündliche Überlieferung Eingang gefunden hat, erachte ich durchaus für möglich, sogar als sehr wahrscheinlich.

Ich denke, dass sowohl Karl der Große als auch Otto der Große solchen "Erinnerungen" entstammen, wobei es m. E. den "großen Karl" und den "großen Otto" aus den Geschichtsbüchern nie gab. Wie die Karolingerverehrung ihren Ausgang vom ehemaligen Herrschaftsgebiet der Rheinfranken nahm, mit dem Zentrum Aachen als angeblicher Residenz Karl des Großen, möglicherweise in Erinnerung an einen großen Frankenkönig Karl (Karl Simplex?) - so nahm die Ottonengeschichte ihren Ausgang vom sächsischem Gebiet. Abweichend von der traditionellen Geschichtsdarstellung sehe ich Karl den Einfältigen oder Simplex als König der Rheinfranken, der von dem Salfranken Chlodwig besiegt wird. Im sächsischen Gebiet sind für mich ein realer Herzog/König Heinrich und/bzw. Otto durchaus als Ausgang einer solchen Erinnerung denkbar. Ich sehe die Ottonen jedoch als Herrscher des Stammesherzogtums Sachsen, die erst später zu Personen der konstruierten Reichsgeschichte wurden.

Mehr noch: Nach ARNDT ist auch die folgende Geschichte, d. h. die Geschichte des deutsch-römischen Kaisertums bis zum 14./15. Jh. ein Konstrukt, d. h. das deutsch-römische Kaisertum des Mittelalters hat es nie gegeben.

Mit der Schaffung der Chronologie im 16. Jh. und der Einbindung realer und fiktiver Personen und Ereignisse in die überregionale Geschichtskonstruktion wurden die Karolinger und Ottonen, aber auch die Salier und Stauffer - wie sie uns heute erscheinen - erschaffen.

 

 

Stimmt unsere Chronologie?

 

 

Die Chronologie ist das Grundgerüst, an dem alle geschichtlichen Ereignisse festgemacht werden. Sie ergibt den Ablauf der Geschichte und macht geschichtliche Zusammenhänge erst erkennbar. Ursprünglich hielt ich – wie wahrscheinlich die meisten von uns noch heute - die uns bekannte Chronologie für feststehend und unverrückbar. Wieso eigentlich?

Zweifel an der uns heute bekannten Chronologie - im ausgehenden 16. Jh. von Joseph Justus Scaliger aufgestellt – gab es schon früh. Bedeutende Vertreter in der Vergangenheit sind Newton (18.Jh.), Velikovsky und Fomenko (beide 20.Jh.).

Die Thesen der Chronologiekritiker werden bis heute von der etablierten Wissenschaft einhellig abgelehnt. Die Gründe sind sicher vielfältig. Sie sind für mich ein Teil systembedingt, in dem die Wissenschaft nur Ideen zulässt, die die anerkannten Theorien weitestgehend bestätigen. So sind logischerweise nur marginale Fortschritte möglich. Ein „Cut“ wie die Korrektur unserer Chronologie ihn bedeutet, ist damit absolut ausgeschlossen. Des Weiteren sind die Chronologiekritiker sämtlich keine etablierten Fachexperten auf den betreffenden Gebieten, also keine Archäologen, Mediävisten etc., so dass sich die Wissenschaft mit Autodidakten und vermeintlichen Laien auseinandersetzen müsste, was natürlich weit unter ihrem Niveau ist. Zum anderen besteht natürlich auch die Furcht, bei Anerkenntnis solcher Thesen oder von Teilen dieser selbst in die chronologiekritische Ecke gestellt zu werden, womit man sich selbst ins Aus bugsieren würde.

Aber sicher konnte die Chronologiekritik bisher auch noch kein in allen Punkten wirklich stimmiges Konzept darbieten, wobei das natürlich einen sehr hohen Anspruch darstellen würde. Auch ist der Kreis der Chronologiekritiker ein ziemlich bunt gemischtes Völkchen mit den unterschiedlichsten Thesen. Von Einigkeit in den Sachfragen keine Spur. Das macht es der etablierten Wissenschaft relativ leicht, die Ideen der Chronologiekritik in Bausch und Bogen abzulehnen und zu ignorieren. Auch stehen die von der Chronologiekritik vorgebrachten Thesen scheinbar im Widerspruch zu naturwissenschaftlichen Datierungsmethoden, die sich erfolgreich etabliert haben. Das sind vor allem die so genannte C14-Methode und die Dendrochronologie. Trotz der mit Sicherheit berechtigten Kritik an diesen Methoden kommt man nicht so ohne weiteres an diesen Methoden vorbei wenn man die Chronologie korrigieren will.

Die derzeit populärste chronologiekritische These ist die sogenannte Phantomzeitthese, die seit Beginn der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts von ILLIG publiziert wird, nach der die Zeit zwischen 614 und 911 (297 Jahre) nicht existiert hat und in unsere Chronologie eingeschoben wurde. Da dieser Zeitraum nie real abgelaufen sein soll, sieht ILLIG die darin befindliche Geschichte als Verdopplung oder gar Verdreifachung realer Ereignisse oder frei erfunden an. Alle überkommenen gegenständlichen Zeugnisse dieser Zeit (Bauwerke und deren Reste, Skulpturen, Buchkunst, Kleinkunst) sind diesem Zeitraum fälschlich zugewiesen worden und gehören in die Zeit vor 614 bzw. nach 911. Urkunden und schriftliche Überlieferungen sind sämtlich Fälschungen und Erfindungen späterer Zeit. Bei den etablierten Historikern steht diese These bis heute auf dem Index. In der Wissenschaft und in der Öffentlichkeit wird diese These heute schlichtweg ignoriert.

KORTH hat zwar einen anderen Ansatz als ILLIG, sieht aber ebenfalls 297 Jahre zu viel auf unserer Zeitachse. Nach ihm wurde die frühere AD-Zählung mit der späteren CE-Zählung (= u.Z.-Zählung) irrtümlich gleichgesetzt, womit die ca. 297jährige Differenz zwischen beiden Zählungen zu einer ebensolchen Verlängerung der Zeitachse führte. Nach ihm ging z. B. das Weströmische Reich 476 AD unter, was 773 CE, was für ihn auch 773 u. Z. entspricht. Die ca. 300jährige Lücke wurde u. a. durch Verdopplung realer Geschichte gefüllt, so z. B. Konstantin der Große (306-337), der eine Kopie des Herakleios (610-641) sein soll. Seiner Auffassung nach stimmt die Zeitdifferenz von 297 Jahren sogar mit naturwissenschaftlichen Ergebnissen (Astronomie, C14, Eiskernforschung) überein.

ARNDT ist der Auffassung, dass die alte Geschichte bis weit in das 18. Jh. konstruiert ist. Ob und wie viele Jahre dabei zu viel auf der Zeitachse sind, darüber lässt sich ARNDT nicht aus. Ihm geht es ausschließlich um die Konstruktion der überlieferten Geschichte. Auf jeden Fall ist seine Analyse der Herrscherabfolge im Mittelalter frappierend und lässt auf jeden Fall an der traditionellen Darstellung des Geschichtsablaufs zweifeln.

Seit etwa 2013 tritt HEINSOHN mit einer neuen, abgewandelten These an. Er widerspricht ILLIG bzgl. einer eingeschobenen Zeit und der Erfindung der Geschichte für diese. Nach HEINSOHN sind in verschiedenen Regionen zeitlich parallel abgelaufene Ereignisse von der traditionellen Chronologie auf der Zeitachse nacheinander eingeordnet worden, womit sich eine deutliche Zeitdehnung ergeben hat. Nach seiner These sind die Zeitabschnitte 1 - 230 (Westrom), 290 - 520 (Ostrom), 8.Jh. - 930 (Norden und Nordosten) parallel einzuordnen. Durch die parallele Anordnung dieser drei Datierungsstränge entsteht eine dramatische Verkürzung des ersten Jahrtausends auf weniger als 300 Jahre. Nach HEINSOHN fand um 230 weströmisch (= um 520 byzantinisch = um 930 Norden/Nordosten) eine globale Naturkatastrophe statt, die maßgeblich zum Untergang des bereits durch die Marc-Aurel-Krise Ende des 2. Jh. geschwächten Weströmischen Reiches führte. Von unserer Zeit aus gesehen fand diese Katastrophe um 930 statt, d. h.   im 10. Jh. Im Gegensatz zu ILLIG verbleiben die Karolinger bei HEINSOHN in der Geschichte. Sie sind jedoch Bestandteil der römischen Geschichte des 1. - 3. Jh. HEINSOHN begründet seine These aufgrund der Stratigraphie zahlreicher Grabungen europaweit, im Nahen Osten und Nordafrika, in Skandinavien und Polen. Überall ist nur eine Katastrophenschicht zu finden, unter der Römisches und über der Nachrömisches bzw. Hochmittelalterliches zu finden ist. Nirgendwo sind zwei oder mehrere Katastrophenschichten übereinander ergraben worden. Auf diese Art gehen über 700 Jahre aus dem 1. Jahrtausend verlustig. Damit wäre die Geschichte  für das 1. Jahrtausend komplett neu zu schreiben. (HEINSOHN-These)

Durch meine Beschäftigung mit der vorromanischen Kunst war die Lücke an Bauten vor dem 10. Jh. für mich unübersehbar. Durch jüngere Bauforschungen wurden nahezu alle ehemals karolingisch datierten Bauten, insbesondere in Frankreich, neu datiert und jetzt dem 11. Jh. zugeschlagen, womit die Lücke noch deutlicher wurde. Eine nachvollziehbare Erklärung bot zunächst die Phantomzeitthese von ILLIG. Durch das Streichen des 7. – 9. Jh. rückt die Spätantike unmittelbar an das 10. Jh. Damit ließ sich für mich ein stimmiges Bild von der Erhebung des Christentums zur Staatsreligion im Römischen Reich unter Justinian I. im 6. Jh. bis zum Beginn der Christianisierung in Mitteleuropa um die Mitte des 10. Jh. herstellen.

Die jüngere HEINSOHN-These, die ich derzeit bevorzuge, lässt mich die Entwicklung des Christentums und die damit verbundene Einordnung der frühchristlichen Baukunst durch die drastische Verkürzung des Zeitraums zwischen Antike und Mittelalter wesentlich besser nachvollziehen. Zwangsläufig ist eine Neuordnung der Regierungszeiten der römischen Kaiser erforderlich. Dazu haben HEINSOHN und BEAUFORT eine neue Kaiserliste erstellt. Danach gehören z. B. Konstantin I. in das vorkatastrophische, weströmische 1. Jh.  und Justinain I. in das nachkatastrophische, weströmische 3. Jh. Von unserer Zeit aus gesehen rücken Konstantin in das 8. Jh. und Justinian in das 10. Jh.

Während HEINSOHN seine These hauptsächlich auf der Grundlage von stratigraphischen Betrachtungen entwickelt hat, ist BEAUFORT bemüht, die Zusammenhänge um die verschiedenen Datierungen zu ordnen. Im Ergebnis sieht BEAUFORT zwei Aktionen, einmal im 10. Jh. und dann noch einmal um die Mitte des 11. Jh., die die Überdehnung der Chronologie verursachten. Als Akteure sieht BEAUFORT Kaiser Justinian I., der in einer ersten Aktion die Inkarnationszählung des Dionysius Exiguus, d. h. die Zählung nach Christi Geburt, einführt oder sogar erst erstellen ließ, sowie in einer zweiten Aktion Michael Psellos und Konstantin IX., die weitere 418 Jahre zwischen die Inkarnationszählung und die Zählung nach unserer Zeit (u. Z.) einschieben. Mit Dionysius Exiguus ist der Versatz zwischen der Zählung der römischen Antike zur byzantinischen Spätantike um 284 Jahre verbunden. Mit der Verschiebung durch Konstantin IX. und Michael Psellos wurde die noch heute gültige Zeitrechnung u. Z. geschaffen.

Das Motiv für die Verschiebung der Geburt Christi um 284 Jahre in die Vergangenheit durch Kaiser Justinian I. (traditionell 527-565) sieht BEAUFORT in der im Jahr 247 (= 531 byzantinisch) bevorstehenden 1000-Jahr-Feier der Stadt Rom. Die Stadt Rom liegt seit der Megakatastrophe im Jahr 238 (= 522 byzantinisch) in Trümmern und war ca. 10 Jahre nach der Katastrophe für eine Millenniumsfeier nicht wirklich bereit. Durch die Verschiebung in die Vergangenheit war die Millenniumsfeier lange Geschichte. Für Justinian eine elegante Lösung.
Die jahrgenaue Datierung der Megakatastrophe oder auch Justin-Katastrophe (weil zur Regierungszeit von Kaiser Justin) auf das antike Jahr 238 bzw. 522 byzantinisch bzw. 940 u. Z. ist nicht sicher. BEAUFORT plädiert hier für etwas mehr Spielraum, wiederholt zuletzt jedoch 238 = 522 = 938.

Die HEINSOHN-These, so wie sie von HEINSOHN formuliert wird, legt nahe, dass die drei Datierungsstränge ein territoriales Phänomen darstellen, beschränkt auf Westrom, Byzanz und den Norden und Nordosten (welche Region damit auch gemeint sein soll). Das ist m. E. nicht der Fall, da sich damit z. B. die byzantinische Datierung der Merowinger nicht erklärt. Die drei Datierungsstränge sind nicht territorial abgegrenzt, sondern sie ergeben sich ausschließlich aus den unterschiedlichen Zeitrechnungen, die den historischen Quellen, auf denen die traditionelle Geschichte fußt, zugrunde liegen. Das schriftliche Niederlegen von historischen Ereignissen ist offenbar eine antike Tradition, die in Westrom und in Byzanz als Teile des ehemals Römischen Reichs natürlich vorhanden war, auch im Westfrankenreich, das ebenfalls zum Römischen Reich gehörte, jedoch nicht im Norden bzw. Nordosten, der nie Teil des Römischen Reich war. Während über die Geschichte des Frankenreichs die Decem libri historiarum des Gregor von Tours berichten, gibt es für den Norden und Nordosten keine vergleichbaren schriftlichen Quellen.

Die Geschichtsleere des Norden und Nordosten wurde ab dem 12. Jh. rückwärts mit größtenteils erfundener Geschichte gefüllt. Es galt natürlich nicht nur die Phantomzeit mit "Geschichte" zu füllen, sondern auch die anschließende reale, geschichtsquellenlose Zeit. So entstehen solche "Geschichtswerke" wie die Sachsenchronik des Widukind, die Chronik des Thietmar von Merseburg oder die Gesta Oddonis der Hrotsvith von Gandersheim u. a. für die Geschichte der Ottonen. Sie sind jedoch ausnahmslos Pseudepigraphen. Genauso wurde die Geschichte der Karolinger mit Hilfe fingierter Briefe, Viten, etc. Alkuins und Einhards konstruiert. ARNDT spricht von der "Fiktionalität eines wesentlichen Teils der Pippiniden- und Karolinger-Geschichten" [100]. Es kommt noch schlimmer. Die gesamte Geschichte des deutsch-römischen Kaisertums im Früh- und Hochmittelalter beginnend von den Karolingern über die Ottonen, Salier,  Staufer und wahrscheinlich auch darüber hinaus ist erfunden. Das römisch-deutsche Kaisertum im Früh- und Hochmittelalter hat es nie gegeben. ARNDT hat in seiner Arbeit "Die wohlstrukturierte Geschichte" ein geschlossenes System der Abfolge der mittelalterlichen Herrscher von 768 bis 1493 aufgedeckt, das belegt, dass die gesamte Geschichte in diesem Zeitraum gefälscht oder - milder ausgedrückt - konstruiert ist.

Leider ist auch England nach dem Ende der römischen Besetzung geschichtsleer. Es gibt keine glaubwürdige Geschichtsquelle. Die berühmte Historia ecclesiastica gentis Anglorum von Beda Venerabilis, die angeblich zum ersten Mal die Jahreszählung nach Christi Geburt verwendet,  ist ein Pseudepigraph (nach JOHNSON im 16. Jh. geschaffen) zur Schaffung von "Geschichte" in der Phantomzeit Englands, analog dem oben beschriebenen Vorgehen im mitteleuropäischen Raum. ARNDT [109ff] weist nach, dass die englische Geschichte bis in das 16. Jh. konstruiert ist. Er verweist auf JOHNSON, der bereits um die Jahrhundertwende zum 20. Jh. zu dem Schluss kommt, dass die englische Geschichte bis Heinrich VIII. (1491-1547) gefälscht sein muss [ARNDT, 113].

Dabei ist es jedoch nicht ausgeschlossen, dass ehemals real existierende Personen in der mündlichen Überlieferung in Form von Legenden und Sagen "überlebt" haben und in die Geschichtskonstruktion der Vergangenheit Eingang gefunden haben. Als solche sehe ich Karl den Großen und Otto den Großen - natürlich nicht mit der überlieferten Geschichte. Die Vorlage für Karl den Großen war vielleicht der Karolinger Karl III., der Einfältige oder Simplex, den ich Ende des 9./Anfang des 10. Jh. als Herrscher der Rheinfranken sehe.

HEINSOHNs vorgesehene Publikation "Wie viele Jahre hat das erste Jahrtausend", in der er seine These vorstellt, ist bisher noch nicht veröffentlicht. Einen ersten Blick erlaubt der Autor auf der Webseite "www.q-mag.org/gunnar-heinsohns-latest" unter dem Titel "The Creation of the First Millennium". Zu verschiedenen Details der HEINSOHN-These und der BEAUFORT-Datierungen ist derzeit die Diskussion immer noch im Gange. Die noch laufende Diskussion hat jedoch keinen Einfluss auf die vorliegenden Ausführungen.

Die traditionelle Geschichtsschreibung, die ihre Erkenntnisse aus den verschiedensten Quellen (römischen, byzantinischen, merowingischen, karolingischen etc.) gewonnen hat und gewinnt, hat dieses Phänomen der unterschiedlichen Datierungsstränge der Quellen nicht erkannt und historische Vorgänge unbereinigt in die Chronologie eingefügt. Dadurch ergibt sich die heute vorhandene Überdehnung der Chronologie des ersten Jahrtausends und ein völlig falsches Geschichtsbild. Erst mit der Rückführung der Datierungen auf eine einheitliche Basis kann für die Chronologie und die Geschichte ein stimmiges Bild entstehen.

Übrigens datierte der Vatikan erst ab 1431 Urkunden „nach Christi Geburt“.

 

 

 

Geschichte des Frühmittelalters in Mittel- und Westeuropa

 

 

zum Aufsatz

hier

Mit Anerkenntnis der These von HEINSOHN/BEAUFORT ist zwangsläufig die Geschichte neu zu betrachten und zu korrigieren. In diesem Aufsatz versuche ich die Rekonstruktion der Geschichte des Frühmittelalters in West- und Mitteleuropa.

 

 

Frühe Kirchenbauten in Thüringen und Sachsen/Anhalt

 

Quedlinburg, St. Servatius
Gernrode, St. Cyriakus
Magdeburg, Dom

 

 

Erfurt  

 

Gernrode

 

Halberstadt

 

Magdeburg

 

Memleben

 

Ohrdruf

 

Quedlinburg

 

Rohr

 

Meißen

 

Mitteldeutschland, das sind heute die Bundesländer Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen, hat eine Reihe von sehr alten Kirchenbauten aufzuweisen, deren angebliche Gründungen z. T. bis in das 8. Jh. zurückreichen. Sicher ist dabei die Unterscheidung wichtig, ob nur schriftliche Quellen oder sogar nur Legenden über diese frühe Zeit berichten oder ob auch materielle Hinterlassenschaften nachzuweisen sind.

So wird z. B. die Gründung des Doms zu Erfurt, richtiger der Stiftskirche Maria Beatae Virginis, mit Bonifatius in Verbindung gebracht, wobei die Archäologie bisher keine Spuren des 8. Jh. nachweisen konnte. Die frühesten baulichen Reste, die ergraben wurden, gehören - so die Archäologen - dem 12. Jh. an. Dagegen gibt es Grabungsergebnisse im Halberstädter Dom, die vermeintlich einen Kirchenbau um 800 "belegen".

Man muss sich natürlich darüber im Klaren sein, dass die von den Experten manchmal mit großer Selbstsicherheit dargebotenen Rekonstruktionen der Baugeschichte dieser frühen Kirchenbauten nur Interpretationen sind, welche naturgemäß an sich erst einmal rein subjektive Auslegungen sind.

Gerade die sehr unterschiedlichen Rekonstruktionen z. B. der Baugeschichte der Stiftskirche St. Servatius in Quedlinburg - obwohl alle auf denselben bauarchäologischen Untersuchungen fußen - belegen die große Unsicherheit bei den Experten zum Thema des frühesten Kirchenbaus in Mitteldeutschland. Der Blick auf die anderen frühen, mitteldeutschen Kirchenbauten zeigt ein ähnliches Bild.

 

 

 

 

Frühchristlicher Kirchenbau - das Produkt eines Chronologiefehlers

 

Ravenna, San Apollinare in Classe
Bethlehem, Geburtskirche
 Rom, Santo Stefano Rotondo

 

zum Aufsatz

 

hier

 

 

Der Beginn des monumentalen Kirchenbaus wird mit der Regierungszeit von Kaiser Konstantin I. verbunden. Als markantes politisches Ereignis gilt die berühmte Mailänder Vereinbarung von 313 (das sog. Toleranzedikt), in der durch Konstantin und Licinius „allgemeine Religionsfreiheit, namentlich für das corpus Christianorum, d. h. für die christliche Gemeinde, und die Rückgabe des ihr in der Verfolgung entzogenen Eigentums“ [DEMANDT 2008, 42] bestätigt wird. Nach [DEMANDT 2008, 42] stiftete Konstantin I. bereits 312, also zeitlich vor der Mailänder Vereinbarung die Lateranbasilika für den Bischof von Rom. 324 bis 326 folgen die Petersbasilika und die Umgangsbasilika für Marcellinus und Petrus [ebd, 42]. „Nicht nur in Rom und Konstantinopel, sondern im ganzen Reich hat der Kaiser den Kirchenbau gefördert…Insbesondere im Heiligen Lande entstanden monumentale Kirchenbauten, so die Basilika von Mamre, sowie die Geburtskirche in Bethlehem und die Himmelfahrtskirche auf dem Ölberg…Die Grabeskirche nahe der Schädelstätte wurde mit besonderem Aufwand errichtet und zu den Tricennalien des Kaisers am 17. September 335 eingeweiht.“[ebd, 51].

Was für ein furioser Auftakt – aber so war es mit Sicherheit nicht!

Der monumentale Kirchenbau beginnt erst mit der Erhebung des Christentums zur Reichsreligion und der Begründung der Reichskirche. Nach der neueren traditionellen Forschung erfolgt die Gründung der Reichskirche nicht schon durch Theodosius I. sondern erst durch Justinian I. Die HEINSOHN-These datiert Justinian I. in das 10. Jh.

Dem stehen jedoch die zahlreichen vermeintlichen frühchristlichen Kirchenbauten in Rom, Mailand, Ravenna, Jerusalem, Konstantinopel und anderswo entgegen. Nach meiner Auffassung sind sämtliche sogenannte frühchristliche Kirchen falsch datiert. Der Grund ist unsere falsche Chronologie, die durch die HEINSOHN-These aufgedeckt wurde. Im Endeffekt gibt es keine frühchristlichen Kirchenbauten. Alle diese Kirchen sind Bauten des 11.-13. Jh., die in Rom im Wesentlichen fehlen.

Unabhängig von und zeitlich vor HEINSOHN hatte ich die Entstehung des monumentalen Kirchenbaus maßgeblich ab dem 10. Jh. gesehen. Mein Aufsatz dazu, noch unter der Phantomzeitthese von ILLIG erarbeitet, ist veröffentlicht in den ZEITENSPRÜNGE-Heften 3/2010, 2/2011 und 3/2011. Der vorliegende Aufsatz ist sozusagen das Upgrade auf die HEINSOHN-These.

 

 

Die Erschaffung der karolingischen und ottonischen Baukunst

 

Lorsch, Torhalle

Fulda, St. Michael, Krypta

 Müstair

Corvey, Westbau Obergeschoss

 

zum Aufsatz

hier

 

Die Kunst der Karolinger und Ottonen - eine Chimäre? Ja! Selbstverständlich sind die den Karolingern und Ottonen zugeschriebenen Bauten existent; sie sind nur zeitlich und kunsthistorisch falsch eingeordnet.

Aufgrund des oben beschriebenen Chronologiefehlers (siehe oben: Stimmt unsere Chronologie?) ergab sich u. a. eine Phantomzeit zwischen der Merowingerzeit 6./7. Jh. und dem 11. Jh. Diese im Norden und Nordosten, also in unserem mitteleuropäischen Raum, "geschichtslose Zeit", d. h. eine Zeit ohne schriftliche Geschichtsüberlieferung im Gegensatz zu Rom, Byzanz und auch Westeuropa, wurde etwa ab dem 12. Jh. rückwärts mit "Geschichte" gefüllt. Diese "Geschichte" speiste sich z. T. aus mündlichen Überlieferung in der Bevölkerung als auch aus reiner Erfindung der Historiker. Grundlage der mündlichen Überlieferung im Volk war die Erinnerung an einen großen Herrscher Karl - für mich kommt hier als Vorlage für den fiktiven Karl den Großen nur der reale Karl III., der Einfältige (carolus simplex) infrage - oder auch einen großen König Otto. Diese legendäre Geschichte wurde in der Chronologie verankert und mit einem Stammbaum versehen. Zentrum der Karlsverehrung ist heute insbesondere Aachen (gelegen im ehemals rheinfränkischen Gebiet. Karl Simplex war m. A. nach König der Rheinfranken, die im Jahr 927 vom Merowinger Chlodwig, König der Salfranken, besiegt wurden, womit das Reich der Rheinfranken zu existieren aufhörte). Zentrum der Verehrung Ottos des Großen ist heute das Nordharzgebiet, das Kerngebiet der ehemaligen sächsischen Herrscher. Alle nachfolgenden Historiker haben am Ausbau dieser Personen und ihrer Zeit ihr Scherflein beigetragen, so dass sowohl die Personen als auch ihre Zeit uns heute so wohlvertraut sind, dass ein Zweifel an ihrer realen Existenz einem Sakrileg gleichkommt.

Natürlich musste dieser Zeit auch ein Kunstschaffen zugeordnet werden. So hat man ein Teil der überkommenen frühen Kirchenbauten der Frühromanik entrissen und der Karolingerzeit bzw. der Ottonenzeit zugeschlagen. Genauso ist man mit den anderen Kunstgattungen wie Wandmalerei, Plastik, Kleinkunst und Goldschmiedekunst verfahren. Die Kunsthistoriker der 19. und 20. Jh. haben sich die größte Mühe gegeben, die Charakteristika der Karolingerkunst herauszuarbeiten. Die Bauforscher haben die verschiedenen Bauphasen detailliert der nicht existenten Zeit zugeordnet und tun es bis heute.

In Wirklichkeit gehören alle diese Bauten in die ca. 120 Jahre der Frühromanik, die am Ende des 10. Jh. ihren Anfang nimmt und bis etwa 1100 reicht.

 

 

Der "karolingische" Dom zu Hildesheim

 

Ostansicht

Inneres nach Osten

 Krypta

 

 

zum Aufsatz

 

hier

 

 

Traditionell gilt der Hildesheimer Dom als eines der ganz wenigen in großen Teilen erhaltenen karolingischen Kirchenbauten. Die Gründung des Bistums Hildesheim ist für das Jahr 815 überliefert. Zu dieser Zeit soll durch Ludwig den Frommen eine erste Kapelle errichtet worden sein. Diese will Diözesankonservator Karl Bernhard KRUSE jetzt bei den aktuell laufenden Grabungen entdeckt haben. Darüber hinaus meint er bei einer Grabung in der profanierten Antoniuskirche südöstlich des heutigen Doms die Fundamente des ersten Hildesheimer Doms aus dem 9. Jh., des so genannten Gunthardoms, aufgedeckt zu haben.

 

 

Die angeblich zweitälteste Kirche in Deutschland - St. Johannis in Mainz

 

Südostansicht

Inneres nach Westen

 südliche Arkadenwand

 

 

zum Aufsatz

 

hier

 

 

 

Im Februar des Jahres 2014 geht die Meldung durch die Presse, dass St. Johannis in Mainz laut Experten die wohl zweitälteste Kirche in Deutschland sei (nach Trier).

Im Rahmen von Sanierungsarbeiten ist man beim Einbau einer Fußbodenheizung auf Reste eines älteren Fußbodens - angeblich aus dem 9. Jh. - gestoßen. Da Experten schon länger in St. Johannis einen älteren Bau vermuteten, nahm man diesen Fund zum Anlass, weiter zu graben.

Der daraufhin angetroffene Befund wird als archäologischer Sensationsfund betrachtet. Man spricht von der ältesten Kirche nach dem Trierer Dom und dem einzigen erhaltenen karolingischen Dom Deutschlands.

 

 

 

Der Hohe Dom zu Augsburg ohne karolingische und ältere Baugeschichte

 

Plan

Westkrypta des 11. Jh.

 Skulptierte Stücke im Museum

 

 

zum Aufsatz

 

hier

 

Auf einem Zwischenstopp auf dem Heimweg vom Chiemsee nach Thüringen nutzte ich die Gelegenheit zu einem Kurzbesuch des Augsburger Doms. Die frühromanische Krypta, die Bronzetür und die romanischen Glasmalereien waren der erste Beweggrund dafür. Erst die Ausgrabungen von St. Johann südlich des Doms und die Parallele zur Situation in Mainz haben mich zu einer ausführlicheren Beschäftigung mit der Baugeschichte dieses hochinteressanten Kirchenbaus veranlasst.

In Augsburg haben wir den einzigen in wesentlichen Teilen erhaltenen Dombau aus der Zeit um die Jahrtausendwende vor uns. Weder in Köln, noch in Magdeburg, Merseburg oder Halberstadt sind die Dombauten aus dieser Zeit erhalten. Jedoch bei frühchristlichen, merowingischen oder karolingischen Vorgängerbauten Fehlanzeige.

 

 

 

                                                                                                                                                                         

Letzte Bearbeitung dieser Seite: 13.10.2016

 

Impressum